Der verheerende Luftangriff auf Wissen

Vor 75 Jahren, am 11. März 1945, erlebte die Wissener Bevölkerung den schlimmsten und verheerendsten Luftangriff auf Wissen im Zweiten Weltkrieg. Der Kernbereich des Ortes wurde durch alliierte Bomber in Schutt und Asche gelegt. Mit ein Grund für die Bombardierung war wohl die Zerstörung der Versorgungswege für die deutsche Wehrmacht. Fast Zweihundert Menschen kamen dabei ums Leben.
Schon am 16. Mai 1940 –nachts–, fielen die ersten Bomben auf Wissen. Danach luden immer wieder Flugzeuge der alliierten ihre tötliche Fracht über Wissen ab. Doch der Angriff in den späten Nachmittagsstunden des 11. März 1945 übertraf alle vorangegangen Luftangriffe.


Wissener erzählen, wie sie den Angriff erlebten.


|   Der damals 13-jährige Klaus Ingelbach und sein Freund Hans Albert Schuster spielten an besagtem Tag, es war ein Sonntag, so gegen 18.00 Uhr, in der Schützenstraße nahe dem Schützenplatz.

Wissen Schützenstraße 1940

Schützenstraße in Wissen um 1940

Die Jungen hören die Sirenen heulen, das bedeutet mal wieder Fliegeralarm. Doch sie nehmen sich Zeit, um in den nahen Luftschutzstollen zu gelangen. Dicke Wolken hängen an jenem Sonntag über Wissen. Nur sporadisch zwischen den Wolken sind die Flugzeuge auszumachen. Die beiden schauen zum Himmel und sehen die Bomber durch eine Wolkenlücke über sich. Für die Freunde sind die Flugzeuge dann doch schneller über ihnen, als es ihnen lieb ist. Genau können sie erkennen, wie sich die Luken an den Flugzeugen öffnen und die Bomben herausfallen. Die erste schlägt „Im Kreuztal“ beim Fischhaus* ein. Durch den Luftdruck werden die Jungen an die Bruchsteinmauer gedrückt, die sich an der Bergseite der oberen Schützenstraße befindet. Dort bleiben sie wie erstarrt in geduckter Haltung hocken, bis der Angriff vorbei ist.

Hauptsächlich über dem Ortskern von Wissen haben die Flugzeuge ihre tödliche Fracht abgeladen. Nachdem sich der Rauch und Qualm etwas aufgelöst hatten, gehen die beiden Freunde vorsichtig bis zur Straße „Im Kreuztal“. Das ist die Verlängerung der heutigen Rathausstraße, die damals Adolf-Hitler-Straße hieß. Sie trauen ihren Augen nicht, was sie da sehen. Die gesamte Straße ist zu einem Trümmerfeld geworden, ein Bild, das sich für ihr ganzes Leben einprägt. „Unsere Neugier war aber stärker als die Angst und wir gingen die ganze Straße zwischen zerbombten und brennenden Häusern hinunter bis zum Bahnhof. Der war schon am 8. Februar 1945 bei einem Luftangriff weitestgehend zerstört worden. Dort kehrten wir um und machten uns schleunigst wieder zurück ins Kreuztal. Unsere Elternhäuser in der Schützenstraße waren, bis auf zerbrochene Fensterscheiben, ganz geblieben. Der Schrecken und das Furchtbare, was wir gesehen hatten, war uns gewaltig in die Glieder gefahren“, beschrieb Klaus Ingelbach das, was sie gesehen hatten.

Etwa vierzehn Tage vor dem Angriff, erzählte er weiter, hätten sie beobachtet, wie ein Flugzeug genau der Sieg entlang und dann über Wissen und Umgebung geflogen wäre. Auf der Anhöhe oberhalb des Schützenplatzes, auf dem Hämmerberg, habe eine Vierlingsflak gestanden. Das Flugzeug sei aber so tief geflogen, dass es unterhalb der Reichweite der Flak gewesen wäre und diese nichts hätte ausrichten können. Aus dem Flugzeug seien in kurzen Abständen Blitze geschossen. Die Erklärung, die sie dafür hatten, war, dies muss ein Aufklärer gewesen sein. Der habe Wissen fotografiert, damit die Bomberbesatzungen ihre Ziele bei der späteren Bombardierung besser lokalisieren und ins Visier nehmen konnten.

*Anmerkung: Das Fischhaus war ein Spezialitätengeschäft in dem es Fisch und Wild zu kaufen gab. Heute ist dort eine Gaststätte. Vor einigen Jahren fand man bei Straßenbauarbeiten in unmittelbarer Nähe des Hauses einen Blindgänger.


|   Auf dem Areal des damaligen Sägewerks Hombach in der Brückhöfe, einem Teil Wissens rechts der Sieg, erlebten die Freunde Werner Mertens, zehn Jahre alt und Manfred Hirsch, neun Jahre alt, den Luftangriff. Zu seinen Lebzeiten erzählte mir Werner Mertens, von dem für ihn unvergessenen Erlebnis.

Wissen Sägewerk Hombach

Sägewerk Hombach in der Brückhöfe

Das Sägewerk sei ein idealer Spielplatz für sie gewesen. Sie hätten mit den Loren gespielt, mit denen das Holz zum Sägen herangeschafft wurde. Dann gab es wieder einmal Fliegeralarm. Das sei in den zurückliegenden Wochen öfters der Fall gewesen. „Als die ersten Flugzeuge am Himmel auftauchten, hören konnten wir sie schon eine ganze Weile, machten wir dass, was wir dann immer taten, wir zählten sie. Die Anwohner der umliegenden Häuser hatten uns schon eindringlich aufgefordert in den Luftschutzkeller zu kommen“, schilderte Werner Mertens die Situation. Aber als dann das ganze Bombergeschwader fast über uns war, wäre es doch ziemlich brenzlig für sie geworden und sie seien doch schnell in den Luftschutzkeller gelaufen. Nach dem Angriff, der nicht allzu lange gedauert habe, sind sie gleich wieder aus dem Luftschutzkeller herausgekommen. Schnell hätten sie erkannt, dass die Häuser in der Brückhöfe fast unbeschädigt geblieben waren.

Manfred, der in der Brückhöfe wohnt, geht schnell nach Hause, damit die Eltern wissen, dass ihm nichts passiert ist. Werner wohnt auf dem Alserberg und begibt sich schleunigst auf den Weg dort hin. „Die Ortsmitte von Wissen bestand nur noch aus Qualm und Feuer“, erinnerte sich Werner Mertens, „und weil es schon anfing, dunkel zu werden, wirkte das Ganze sehr gespenstisch.“ Er sei dann über die Brücke des Wisserbachs gegangen. Bis dort hin habe er die furchtbaren Schreie der überlebenden Verwundeten aus dem zerbombten Lazarett gehört. Sowohl das Krankenhaus als auch das schräg gegenüberliegende evangelische Gemeindehaus dienten als Lazarett.

Zu Hause auf dem Alserberg angekommen, stellte er fest, dass die Fenster des Elternhauses keine Scheiben mehr hatten und die Haustür aus den Angeln geflogen war. Sonst waren keine Schäden am Haus auf den ersten Blick festzustellen. Was aber viel schlimmer für den Zehnjährigen war, es ist niemand von seiner Familie und von den Nachbarn zu sehen. Instinktiv sei er zum nahen Eichenwald gelaufen. In einer Senke am Waldrand (heute ist dort zum Teil die Liegewiese des Schwimmbades) fand er seine Familie und die anderen Anwohner. Sie waren unversehrt geblieben und er heil froh, wieder bei seiner Familie zu sein.


|   Selbst bei dem Elend und Leid in den Kriegstagen gab es auch, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann, aufhellende Momente. Einer der Verwundeten, der samstags, einen Tag vor dem Luftangriff, mit einem Sanitätstransport nach Wissen und ins Krankenhaus gekommen war, hatte sich gleich an seinen alten Bekannten in Wissen, Aloys Wingendorf, erinnert und nach ihm gefragt. Die beiden kannten sich von ihrer früheren gemeinsamen Militärzeit. Jemand hat die Familie Wingendorf, die auf dem oberen Alserberg wohnt, über die Nachfrage informiert. Ihr Vater sei gleich ins Krankenhaus gegangen, um den Bekannten aufzusuchen und nach ihm zu sehen, erzählte Wiltrud Becher, Tochter von Aloys Wingendorf, damals eine junge Frau von fast 20 Jahren.

Das Wissener St. Antonius Krankenhaus diente auch als Lazarett.

Am Tag darauf erfolgte die schwere Bombardierung von Wissen, die sie und ihre Familie im Keller ihres Hauses erlebten. „Kaum beschreiben kann man den Anblick nach dem Angriff, der sich uns und den anderen Alserbergern auf die Ortsmitte von Wissen bot. Die Luft war durchzogen von Feuer und Rauch“, so die Beschreibung der Alserbergerin. Sie seien gleich nach dem Angriff ins Kreuztal gegangen, erzählt Wiltrud Becher, wo Verwandte wohnten. Deren Haus sei zwar zerstört gewesen, die Verwandten aber unverletzt geblieben. Ihr Vater sei ins Krankenhaus gegangen, um nach seinem alten Bekannten, dem Verwundeten, zu sehen. Im Zimmer, in dem er lag, war ein Teil der Zimmerdecke eingestürzt. Das Kruzifix, was eigentlich an der Wand hing, habe, wie auch immer das geschehen war, auf seiner Brust gelegen, hat ihr Vater die Situation geschildert. Er habe dann so weit möglich, Dreck weggeräumt und ihm so gut es ging das Bett wieder hergerichtet indem er lag. Mit anderen Verwundeten ist ihr Bekannter in ein anderes Lazarett verlegt worden. Den Krieg hat Jüppchen (sein Vorname war Josef), wie ihn die Familie Wingendorf liebevoll nannte, überlebt, dessen Zuhause in der Nähe von Köln war. Nach dem Krieg hat ein reger Kontakt zwischen Jüppchen und Wingendorfs mit etlichen gegenseitigen Besuchen stattgefunden.

Anmerkungen:

Das Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde wurde auch als Lazarett genutzt.

An der Stelle, an der sich heute das evangelische Gemeindehaus befindet, stand zu jener Zeit ein aus Ziegelsteinen gemauertes Haus  der evangelischen Kirchengemeinde. Weil die Kapazität des schräg gegenüberliegenden Krankenhauses nicht mehr ausreichte, wurde das Haus der Kirchengemeinde mit als Lazarett genutzt. Einen Tag vor dem Angriff, am 10. März, war ein Lazarettzug auf dem Bahnhof in Wissen angekommen. Ein Teil der verwundeten Soldaten sind im Haus der Kirchengemeinde untergebracht worden, ein anderer Teil im Krankenhaus. Bei dem schrecklichen Luftangriff am darauf folgenden Tag traf eine Bombe das Gebäude. Viel sei nicht mehr von dem Ziegelsteinhaus übrig geblieben, heißt es. Die meisten Personen die sich dort aufhielten, es sollen etwa 70 bis 80 gewesen sein, kamen fast alle ums Leben.

Über dies waren Zivilpersonen aus dem Eifelstädtchen Prüm und deren Umland nach Altenkirchen vor den aus Westen vorrückenden alliierten Truppen evakuiert worden. Einige davon haben sich zur Zeit des Fliegerangriffs in Wissen aufgehalten. Drei von ihnen kamen dabei ums Leben.

Auf den Alserberg sind während des Luftangriffs keine Bomben gefallen. In Bitzen aber standen Geschütze der deutschen Wehrmacht, die versucht haben, die alliierten Flugzeuge abzuschießen. Ihre Reichweite war aber zu kurz, um die Bomber zu treffen und so sind einige Geschützgranaten auf dem Alserberg eingeschlagen. Eine davon fast unmittelbar im Garten der Wingendorfs.


Fotos:

Archiv Verbandsgemeindeverwaltung Wissen
Archiv Photo Passerah
Sammlung Heinz-Walter Alfes
Archiv PENs-Journal