Als ganz Wissen vom Fastowendsbazillus befallen wurde

Trotz des Verbots durch die Nationalsozialisten im Jahre 1937 hatten sich die Wesser Fastowendsgecken, und besonders die Mitglieder der Wissener Karnevalsgesellschaft (KG) Fidele Altstädter, nicht aus den Augen verloren.

Der Krieg war nun seit vier Jahre zu Ende und die Zeit war gekommen, da man sich wieder des Fastowendsbrauchtums in Wissen erinnerte. Und so zogen im Jahr 1949, „am Fastowendssonndach no d’r letzten Mess“ die Fidelen Altstädter erstmals nach Kriegsende mit einem Pferdegespann auf den Marktplatz. Auf dem Fuhrwerk war ein Eisengestell montiert, an dem eine anscheinend regungslose Gestalt in einer Gurtkonstruktion hing. Sie stellte den Fastowendskerl dar. Das Eisengestell war, wie manches so nebenbei, im Walzwerk hergestellt worden und die Gurtkonstruktion hatte Sattlermeister Clemens Stahl, ein alter Wissener Karnevalist, angefertigt.

Vom Erker der Gaststätte „Müller-Stocks“ (Stocks Ecke) auf dem Marktplatz wurden die elf närrischen Paragrafen verkündet und der Protokollarius der Fidelen Altstätter, Hubi Deipenbrock, hielt eine kurze Ansprache. Nach den Worten: „In diesem Augenblick erwacht der Karneval in Wissen wieder zum Leben“, bewegte sich die vermeintlich regungslose Gestalt und rief dreimal: „Wessen o-jö-jo.“ Damit hatte die fastowendslose Zeit offiziell ein Ende und die Altstädter zogen durch sämtliche innerorts gelegenen Gaststätten, um der Bevölkerung zu zeigen „mer feijern werer Fastowend, mer senn werer do“.

Wie in vielen anderen Städten lag 1949 auch in Wissen noch vieles in Trümmern. Die Säle im Ortskern waren durch die Bombenangriffe zerstört, jedoch die Säle in den umliegenden Ortschaften waren davon nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Daher wurden die ersten Karnevalssitzungen dort abgehalten.

Der Zuspruch und das Interesse am Wesser Fastowend wuchs und der Fastowendsbazillus ergriff, von der Altstadt ausgehend, das gesamte Ortsgebiet. Daher sahen sich die Fidelen Altstädter nach einer gelungenen Session 1950 veranlasst, den Namen in „Wissener Karnevalsgesellschaft 1856“ zu ändern.

Den Vorsitz übernahm Paul Olberz, ihm zur Seite stand der Ältestenrat sowie der Elferrat. Das Präsidentenamt hatte Fritz Ehlgen, infolge Berufs- und Wohnungswechsel, schon bei der Prunksitzung an seinen Nachfolger, den Protokollarius der Fidelen Altstädter, Hubi Deipenbrock, übergeben. Nicht nur als Präsident, sondern auch als Texter etlicher „Fastowendsledcher“, hatte sich Fritz Ehlgen einen Namen gemacht. Die Lieder beleuchteten Lokales und Kurioses sowie Hintergründiges aber auch Nachdenkliches. Insbesondere das Lied „Su wie et fröher wor“ avancierte zur heimlichen Wissener Karnevalshymne. Die Wissener Karnevalsgesellschaft ernannte Fritz Ehlgen zum Ehrenpräsidenten. Die Nachfrage nach karnevalistischen Veranstaltungen in Wissen war so groß, dass mehrere Sitzungen abgehalten werden mussten. Etliche Karnevalssitzungen und Fastowendsbälle, sowohl die der Wissener Karnevalsgesellschaft (KG) als auch die von Gruppen und Vereinen, fanden zu jener Zeit unter anderem „en Schünsten em Heckenbückersch Saal“ statt.

Ab 1953 wurden die Sitzungen der KG wieder in Wissen, im damals neuen Film-Theater (Kino) im Richtweg, abgehalten.

Außer den Sitzungen und Bällen gehört auch der Fastowendszuch zum Wesser Fastowendsbrauchtum. Im Jahr 1950 zog erstmals nach dem Krieg wieder ein Karnevalszug am „Fastowendsdiensdach“ durch Wissen. Tausende von Besuchern säumten die Straßen im Ortskern der Siegstadt und ließen sich den Fastowendszuch nicht entgehen.

 

Der Fastowendskerl ist bis zum heutigen Tag eine ausgestopfte Puppe. Lediglich beim Wiederaufleben des Wesser Fastowend 1949 wurde die Figur von einer Person dargestellt. Die Puppe hing früher am Balkon der Gaststätte „Zum Fürsten Hatzfeld“ auf der Rathausstraße. Heute hängt sie während der Karnevalstage an der Gastwirtschaft auf dem Marktplatz. Am Aschermittwoch wird unter großem Wehklagen der Wesser Fastowendsgecken der Fastowendskerl von der Altstadtbrücke brennend in die Fluten der Sieg geworfen. Er symbolisiert einerseits den Frohsinn und andererseits aber auch die Vergänglichkeit.

 

Die nachfolgenden Fotos sind etwa in der Zeit zwischen 1949 und 1957 aufgenommen worden. Auf einigen Aufnahmen sind die Schäden des Krieges noch zu erkennen.